Krise und Trauma

Krise bedeutet übersetzt „schwierige Lage“ und kann sowohl einzelne Personen als auch eine ganze Gruppe betreffen. Der Grund für eine Krise ist vielfältig, der häufigste Grund dabei ist der Verlust von Ressourcen (Geld, Gesundheit, etc.) oder von Personen (Vertraute, Verwandte etc.).[1]

 

Viele Persönlichkeitsstörungen wie beispielsweise die Borderline-Persönlichkeitsstörung gehen auf eine Störung in der Bindung zu den Bezugspersonen mit Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen einher.[2] Dabei werden folgende Gefühlszustände beschrieben:

  • Gefühl der Lehre
  • Emotionale Instabilität und Impulsivität
  • Beziehungsabbrüche provozieren[3]

Kinder lernen im Alter von 2 Jahren von ihren Bezugspersonen internalisierte Handlungen und lernen dadurch Handlungen vorauszusagen. Durch die widersprüchliche Bindungserfahrung im Falle von Gewalt im Kleinkindalter und die daraus resultierende Angst und Hilflosigkeit spaltet das Kind als Schutzmaßnahme einen Teil seiner Identität ab. Dadurch kann das Kind im Erwachsenenalter eine verzerrte Realitätswahrnehmung erlangen, wenn es sich versucht in andere Personen hineinzuversetzen und ruft dadurch falsche oder fehlende Reaktionen hervor.[4]

 

Auch eine Posttraumatische Belastungsstörung führt immer wieder zu dem lebensbedrohenden Zustand und somit zu ständigen Krisen.

Musste ein Kind etwa Gewalt gegen einen Elternteil oder eine andere Person, von der es abhängig ist, mit ansehen oder hat es deren Verschwinden oder Tötung erlebt, kann das Kind eine wohlbegründete Angst vor Verfolgung haben, selbst wenn die Handlung nicht direkt gegen das Kind gerichtet war.[5]

 

Auf der Internetseite der Charité – Universitätsmedizin Berlin wird die Posttraumatische Belastungsstörung beschrieben als eine „verzögerte und protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung und katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Charakteristisch für die PTBS ist das ungewollte Wiedererleben von Aspekten des Traumas. (…) Situationen oder Personen, die an das Trauma erinnern, werden von den Betroffenen als extrem belastend erlebt und rufen starke körperliche und gefühlsmäßige Reaktionen hervor. Die Betroffenen versuchen, diese Erinnerungen zu vermeiden, indem sie nicht darüber sprechen, Erinnerungen an das Erlebnis aus dem Kopf drängen und Personen und Orte sowie Reize meiden, die an das Trauma erinnern könnten. Das emotionale Erleben von Personen mit PTBS ist häufig durch intensive Angst, Schuld, Scham, Traurigkeit, Ärger sowie emotionaler Taubheit geprägt. Einige der Betroffenen fühlen sich wie entfremdet von anderen Menschen und geben Kontakte auf, die ihnen vorher wichtig waren.

Darüber hinaus zeigen die Betroffenen meist mehrere Symptome autonomer Übererregung, z.B. eine erhöhte Reaktionsbereitschaft, starke Schreckreaktionen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen.“ (psychiatrie.charite.de/…/posttraumatische_belastungsstoerung_ptbs)

 

Der Psychologe und Psychotherapeut Dr. Fetsum Mehari beschreibt die psychischen Folgen einer lang andauernden ungesicherten Existenz bei Klienten mit den Worten der Menschen, die er in der Beratung und Therapie betreute und betreut

  • Ich bin weder lebendig noch tot.
  • Ich habe keine Kontrolle über mein Leben.
  • Fühle mich wie auf einem Abstellgleis.
  • Ich habe das Gefühl, dass es mich nicht gibt, dass ich nicht existiere. Ich bin unsichtbar.
  • Ich fühle mich wie ein Vogel, der nicht fliegen kann.
  • Möchte und will dazu gehören, aber sie wollen mich nicht.
  • Ich werde zu einem Außenseiter gemacht.
  • Ich kann meine Zukunft nicht planen, habe keine Zukunft.
  • Es ist wie ein Haus ohne Fundament, das jederzeit einstürzen kann.
  • Eine schizophrene Situation, ohne Aussicht auf Heilung.
  • Die Sonne in mir, mein inneres Licht ist ausgegangen.
  • Meine Gedanken sind nicht frei, mein Kopf beschäftigt sich stets mit diesem Thema.[6]

Der Psychologe Ralf Weber, der über langjährige Erfahrungen mit extremtraumatisierten Flüchtlingen verfügt, beobachtet bei ihnen „ein emotionales Klima von massiver und zugleich diffuser Traurigkeit“.[7] Auch in diesem Zusammenhang werden die Symptome beschrieben, die als typisch für das Vorliegen einer schweren Traumatisierung gelten.

1. Flash-Backs, mit intensiver Angst, so als ob die Person in ein traumatisches Erlebnis zurückversetzt wäre, Alpträume, Panikattacken und Schlafstörungen.

2. Vermeidungshaltungen, um die intensiven Gefühle der Angst und der Hilflosigkeit zu vermeiden, sozialer Rückzug, emotionale und somatische Anästhesie (Empfindungslosigkeit)

3. Hyperarousel (Übererregung) mit erschreckenden Reaktionen und psychosomatischer Korrelation (z.B. Phobien), Aggressivität, Willenlosigkeit, Selbstmedikation mit Alkohol und anderen Drogen.

4. Traurigkeit/Melancholie und Depression im Zusammenhang mit dem Verlust der Heimat, Gesundheit, Geborgenheit, Kultur und Tod von Familienangehörigen und FreundInnen. (…)“[8]

 

[1] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/lernen/grafstat/krise-und-sozialisation/220941/m-02-04-definition-krisen (Stand 25.06.2019)

[2] Fonagy, Peter; Target, Mary 2003: Frühe Bindung und psychische Entwicklung. Psychosozial Verlag Gießen, S. 225

[3] Ebd. 220

[4] Ebd. 228

[5] UNHCR 2009 zitiert nach Deutscher Caritasverband e.V. Schmieglitz,S.  et al. 2014 S.24f

[6] Mehari,F. www.loccum.de/material/Staat/bleiberecht/mehari.pdf

[7] Weber,R. 1998 S.99

[8] Ebd.

 

 

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