Grundlagen der Bindungstheorie

In den frühen 50er Jahren erforschte der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott als einer der ersten, die Verbindung zwischen einer Bezugsperson und dem Säugling. Der Säugling nimmt sich dabei als ein Teil der Mutter wahr. Erst im fortschreitenden Alter (7 Monate) wendet sich der Säugling zunehmend ab von der Mutter und bedient sich dabei einem Objekt, was den Verlust überbrückt. Dabei geht Winnicott davon aus, dass der kompetente Säugling lernen muss, dass die Realität unabhängig von seiner Mutter besteht. [1]

 

Ein weiterer Schwerpunkt im Bereich der Bindungstheorie sind die wissenschaftlichen Arbeite von Bowlby und Ainsworth. Die Grundlage der Theorie beinhaltet die Qualität der Bindung zur Bezugsperson. Dabei wird die Beziehung eingeteilt in:

  1. Unsicher vermeidendes Kind
  2. Sicher gebundenes Kind
  3. Unsicher ambivalentes Kind
  4. Desorientiertes-desorganisiertes Kind[2]

In den Forschungen der späten neunziger Jahre wurde erkannt, dass die Qualität Bindung zur entscheidenden Weichenstellung beiträgt, ob und wie die weitere Entwicklung des Kindes erfolgreich verlaufen kann. In der heutigen Theorie der Bindungsentwicklung gehen die Forscher davon aus, „dass sich reflexive Kompetenz von der Geburt bis zum ca. 5. Lebensjahr so weit entwickelt, dass das Kind über eine „Theorie des Geistes (theorie of mind)“, eine innere Weltsicht, verfügt, und sich selbst als geistesbegabtes Wesen mit eigenen Absichten, Wünschen und Gefühlen erlebt.“[3]

 

Die wichtige Erkenntnis der Forschergruppe um Peter Fonagy und Mary Target war es, dass diese Entwicklung eines Kindes nur eintreten kann, „solang diese Entwicklung nicht durch den doppelten Nachteil einer fehlenden sicheren Beziehung mit den primären Bezugspersonen geschädigt wird. Im letzteren Fall entsteht nur geringe, im Extremfall überhaupt keine Reflexive Kompetenz.“[4] Die Entwicklung von Bindungskompetenz wird als neurobiologischer Prozess verstanden. „Die für die Entwicklung von Bindungssicherheit relevanten Strukturen des Gehirns werden zurzeit in der neurowissenschaftlichen Forschung schrittweise entdeckt: Relevante Studien beziehen sich auf die Lokalisation von Arealen, die im Zusammenhang mit bindungsrelevanten Reizen aktiviert werden.“[5]

 

In der modernen Medizin hat die Bindungstheorie in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dies betrifft nahezu alle Fachbereiche der Medizin, von der Schmerzmedizin bis zur Kardiologie, der Orthopädie und besonders auch im Bereich der Erwachsenenpsychiatrie. Tatsächlich werden Zusammenhänge nachgewiesen zwischen Erkrankungen wie der Herzinsuffizienz und dem Vorliegen einer Problematik im Bereich der Bindungsqualität[6] das Gleiche gilt für zahlreiche andere Erkrankungen insbesondere bei solchen, die von Schmerz begleitet sind. Der Kinder- und Jugendbereich, der zeitlich näher an der Lebensspanne liegt, in der Bindungsfähigkeit erworben wird, beginnt nur zögerlich, sich mit diesen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Medizin und Pädagogik haben noch kein schlüssiges Konzept zur aktiven Einbeziehung der Bindungsfähigkeit bzw. der Defizite im Bindungsbereich entwickelt. Im Studium wird häufig noch der Sachstand der fünfziger und sechziger Jahre vermittelt, die Forschungen von John Bowlby und Mary Ainsworth, die als Entwickler und Hauptvertreter der Bindungstheorie die Grundlagen für die spätere Bindungsforschung gelegt haben.

 

In einer Übersichtsarbeit in der Anwendung der Bindungsforschung auf die Psychosomatik stellen Maunder und Hunter (2001) ein Modell auf, das unsicheres Bindungsverhalten als Krankheitsrisiko beschreibt, das durch drei Mechanismen erklärt wird: erhöhte Anfälligkeit für Stress, verstärkter Gebrauch externaler Affektregulatoren (Zigaretten-, Alkohol-, Drogenabusus, Essstörungen, riskantes Sexualverhalten und eine veränderte Inanspruchnahme projektiver Faktoren (niedrige Compliance, verstärkte körperliche Symptomschilderung.[7])

 

[1] Sesink, Werner (2002): Vermittlungen des Selbst. Eine pädagogische Einführung in die psychoanalytische Entwicklungstheorie D. W. Winnicotts. Lit. Müster

[2] Endres, M., Hauser S. (Hrsg.) 2000: Bindungstheorie in der Psychotheorie. Ernst Reinhardt Verlag München

[3] Reinke, E.2003 Reflexive Kompetenz in: Fonagy, P.; Target, M. Frühe Bindung und psychische Entwicklung Gießen Psychosozial-Verlag.

[4] Ebd. S.18

[5] Strauß,B.; Schwark, B. 2008 Die Bindungstheorie und ihre Relevanz für Psychotherapie in: Strauß, B  (Hrsg) Bindung und Psychopathologie Stuttgart Klett-Cotta S. 23

[6] Vergl. Korff, Jessica von 2009 Bindungsdiagnostik mittels Adult Attachment Projective bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder Herzinsuffizienz Risikofaktoren Inaugural-Dissertation Philipps-Universität Marburg

[7] Ebd. S. 23

 

 

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